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Was ist Neurodermitis?
Neurodermitis ist eine chronische Hauterkrankung, bei der die Schutzfunktion der Haut gestört ist und das Immunsystem überschießend reagiert. Sie beginnt meist zwischen dem 3. und 6. Lebensmonat, ein Beginn nach dem 5. Lebensjahr ist selten.
Bei etwa 30 bis 40 von 100 Betroffenen hängt die Erkrankung mit Allergien zusammen, etwa gegen Hausstaubmilben, Pollen oder Nahrungsmittel. Diese allergische Form verläuft oft stärker und tritt häufiger zusammen mit Heuschnupfen oder allergischem Asthma auf.
Woran erkennt man Neurodermitis?
Leitsymptom ist ein starker Juckreiz, der tagsüber und nachts auftreten kann. Dazu kommen trockene Haut und Ekzeme, deren Lage vom Alter abhängt.
Kopfgneis, gelbliche Schuppen auf der Kopfhaut von Säuglingen, wird oft mit Neurodermitis verwechselt. Er juckt aber weniger und verschwindet meist von selbst.
- Säuglinge: vor allem Wangen sowie die Außenseiten von Armen und Beinen. Ein krustiger Ausschlag auf der Kopfhaut (Milchschorf) kann ein frühes Zeichen sein.
- Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene: vor allem Kniekehlen, Ellenbeugen und Nacken, manchmal auch Hände und Füße.
- Akuter Schub: gerötete, stark juckende Haut, manchmal mit Bläschen, die aufplatzen und nässen.
- Länger bestehende Stellen: trockene, schuppige, verdickte und rissige Haut.
Neurodermitis: Wann zum Arzt?
Bei Warnzeichen zählt jede Minute. Für alles andere ist Ihre Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle.
Sofort den Notruf 112 wählen
Zum Beispiel bei:
- Atemnot, Schwellung von Lippen, Zunge oder Rachen oder Kreislaufprobleme nach einem Nahrungsmittel, Insektenstich oder Medikament
- Ein Kind mit Fieber und Ausschlag ist kaum ansprechbar oder ungewöhnlich schläfrig
Noch heute ärztlich abklären, außerhalb der Sprechzeiten 116117
Zum Beispiel bei:
- Plötzlich viele kleine Bläschen, punktförmige Krusten oder offene Stellen im Ekzem, oft im Gesicht, mit Fieber oder Abgeschlagenheit (möglicher Herpesbefall)
- Nässende, gelblich verkrustete oder zunehmend gerötete und schmerzhafte Hautstellen
Termin in der Praxis oder per Video
Zum Beispiel bei:
- Erstmals juckender, ekzemartiger Ausschlag, besonders bei Säuglingen und Kleinkindern
- Ekzeme bessern sich trotz Pflege und Behandlung nicht oder kommen häufig wieder
- Juckreiz stört den Schlaf, die Schule oder die Arbeit
- Verdacht auf eine Nahrungsmittel- oder andere Allergie
Allgemeine Orientierung, keine Diagnose. Im Zweifel lassen Sie Beschwerden lieber einmal mehr ärztlich ansehen.
Welche Ursachen und Auslöser gibt es?
Die Erkrankung entsteht aus einem Zusammenspiel von Veranlagung, gestörter Hautbarriere und Immunsystem. Kommen Neurodermitis oder Allergien in der Familie vor, ist das Risiko erhöht.
Bei manchen Menschen bildet die Haut wegen einer Genveränderung zu wenig Filaggrin, ein Eiweiß, das für den Aufbau der äußeren Hautschicht wichtig ist. Die Haut verliert dann leichter Feuchtigkeit, und Reizstoffe, Allergene und Keime dringen leichter ein. Schübe können unter anderem ausgelöst werden durch:
- Allergene wie Hausstaubmilben, Pollen oder bestimmte Nahrungsmittel, zum Beispiel Milch, Eier, Nüsse oder Fisch, sofern eine Allergie besteht
- kratzende Stoffe wie grobe Wolle, Zigarettenrauch sowie große Hitze oder Kälte
- Reinigungsmittel und Stoffe, gegen die eine Kontaktallergie besteht
- seelische Belastungen, die bei manchen Menschen Schübe begünstigen
Wie wird Neurodermitis festgestellt?
Die Ärztin oder der Arzt stellt die Diagnose anhand der Krankengeschichte und einer Untersuchung der gesamten Haut. Typisch ist ein stark juckender Ausschlag an alterstypischen Stellen, der über Monate besteht oder immer wiederkehrt.
Andere Erkrankungen wie Schuppenflechte oder das seborrhoische Ekzem müssen abgegrenzt werden. Allergietests im Blut oder auf der Haut sind nur bei einem konkreten Verdacht sinnvoll. Ein auffälliges Ergebnis zeigt eine Sensibilisierung, beweist aber noch nicht, dass dieser Stoff die Hautbeschwerden auslöst. Manchmal ist dann ein ärztlich überwachter Provokationstest nötig.
Wie wird Neurodermitis behandelt?
Die Behandlung folgt einem Stufenplan: Basispflege für alle, entzündungshemmende Mittel zum Auftragen bei Schüben und bei schweren Verläufen zusätzlich Lichttherapie oder innerlich wirkende Medikamente.
Allergietabletten (Antihistaminika) lindern den Juckreiz der Neurodermitis nach bisherigem Wissen nicht überzeugend. Für Nachtkerzenöl, Borretschöl, Vitamine oder Zink ist kein Nutzen belegt. Ob und welches Medikament infrage kommt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit Ihnen. Mehr dazu unter Neurodermitis behandeln lassen.
- Kortisoncremes und -salben: lindern Juckreiz und Entzündung im Schub. Richtig angewendet eignen sie sich auch für Säuglinge und Kleinkinder. Schwach wirksames Hydrocortison gibt es rezeptfrei; beachten Sie die Packungsbeilage und besprechen Sie die Anwendung, besonders im Gesicht und bei Kindern, in der Praxis oder Apotheke.
- Proaktive Behandlung: Bei häufigen Schüben wird die entzündungshemmende Creme nach dem Abklingen an zwei festen Tagen pro Woche weiter aufgetragen. Das kann Schübe deutlich seltener machen.
- Calcineurinhemmer zum Auftragen: verschreibungspflichtige Cremes und Salben ohne Kortison, vor allem für empfindliche Stellen wie Gesicht und Hals.
- Lichttherapie: Bestrahlung mit UV-Licht in einer Praxis oder Klinik, wenn Cremes allein nicht ausreichen.
- Innerlich wirkende Medikamente: bei mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis zum Beispiel Biologika (Antikörper, die gespritzt werden), JAK-Hemmer als Tabletten oder andere Mittel, die das Immunsystem dämpfen.
Was Sie selbst tun können: Basispflege und Alltag
Die tägliche Pflege mit rückfettenden und feuchtigkeitsbindenden Cremes ist die wichtigste Maßnahme. Sie lindert Juckreiz, schützt vor Reizstoffen und kann Schübe seltener machen.
Strukturierte Neurodermitis-Schulungen für Eltern, Kinder, Jugendliche und Erwachsene vermitteln Wissen zu Pflege, Juckreiz und Alltag. Die Fachleitlinie empfiehlt die Teilnahme ausdrücklich.
- Cremen Sie die Haut mindestens zweimal täglich großzügig ein, auch in beschwerdefreien Zeiten.
- Passen Sie die Pflege an: im Sommer eher leichtere Cremes, im Winter fettere Salben. Harnstoff (Urea) kann bei Babys und Kleinkindern brennen und ist für sie meist nicht geeignet.
- Baden oder duschen Sie lauwarm und kurz, etwa 5 bis 10 Minuten, tupfen Sie die Haut trocken und cremen Sie sie direkt danach ein.
- Lassen Sie zwischen Kortisoncreme und Pflegecreme mindestens 15 Minuten Abstand.
- Tragen Sie weiche Kleidung, etwa aus Baumwolle, und meiden Sie kratzende Wolle und Zigarettenrauch.
- Halten Sie bei Kindern die Fingernägel kurz, um Kratzwunden vorzubeugen.
Wie verläuft Neurodermitis?
Der Verlauf ist wechselhaft, mit Schüben und ruhigeren Phasen. Bei vielen Kindern bessert sich die Erkrankung mit dem Alter deutlich.
Beginnt die Neurodermitis im ersten Lebensjahr, hat nach drei Jahren nur noch etwa die Hälfte der Kinder Beschwerden. Bei einem Beginn im Alter von 2 bis 5 Jahren haben etwa zehn Jahre später mehr als 80 von 100 Kindern die Erkrankung überwunden oder sie ist deutlich schwächer. Im Erwachsenenalter kann sie wiederkommen, häufig an den Händen.
Häufige Komplikationen sind Infektionen der entzündeten Haut mit Bakterien oder Viren. Kinder mit Neurodermitis sollten nach den üblichen Empfehlungen geimpft werden, weil zum Beispiel Windpocken bei ihnen schwerer verlaufen können. Der Juckreiz stört oft Schlaf und Konzentration und kann ganze Familien belasten; mehr dazu unter Schlafstörungen.
Was zahlt die Krankenkasse bei Neurodermitis?
Für Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr soll die Basispflege mit Präparaten, die als Arzneimittel zugelassen sind, laut Fachleitlinie auf Kassenrezept verordnet werden. Bei Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen gilt das bis zum 18. Lebensjahr.
Ab 12 Jahren müssen Pflegecremes meist selbst bezahlt werden, obwohl oft große Mengen nötig sind. Die Kosten für Neurodermitis-Schulungen übernehmen Krankenkassen häufig; klären Sie das vor Beginn mit Ihrer Kasse. Bei schwerer Neurodermitis kann eine ambulante oder stationäre Rehabilitation infrage kommen.
Häufige Fragen zu Neurodermitis
Ist Neurodermitis ansteckend?
Nein, Neurodermitis ist nicht ansteckend. Weil manche Menschen das falsch einschätzen, kann es helfen, das Umfeld, etwa in Kita oder Schule, kurz aufzuklären.
Macht Kortison bei Neurodermitis die Haut dünn?
Bei richtiger, bedarfsgerechter Anwendung ist eine dauerhaft dünnere Haut selten: In der größten Langzeitstudie hatten über fünf Jahre weniger als 1 von 1.000 Kindern sichtbar dünnere Haut. Stärke, Menge und Dauer stimmen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.
Hilft es bei Neurodermitis, bestimmte Lebensmittel wegzulassen?
Ohne nachgewiesene Nahrungsmittelallergie bringt das Weglassen von Lebensmitteln wahrscheinlich nichts. Diäten, besonders bei Kindern, sollten nur nach ärztlicher Abklärung erfolgen.
Kann man Neurodermitis beim Baby vorbeugen?
Eine sicher vorbeugende Maßnahme ist bisher nicht bekannt. Tägliches Eincremen im ersten Lebensjahr und das frühe Einführen von Lebensmitteln wie Erdnuss, Milch oder Ei haben das Risiko in großen Studien nicht gesenkt.
Was bringt eine Neurodermitis-Schulung?
Schulungen vermitteln in mehreren Treffen, meist sechs Terminen von etwa zwei Stunden, Wissen zu Hautpflege, Juckreiz, Auslösern und Umgang mit Belastungen. Strukturierte Programme gibt es für Eltern betroffener Kinder und für Betroffene ab etwa 8 Jahren.
Kann Neurodermitis im Erwachsenenalter neu auftreten?
Ein erstmaliger Beginn im Erwachsenenalter ist selten, häufiger kehrt eine Neurodermitis aus der Kindheit zurück. Bei neuen Ekzemen im Erwachsenenalter klären Ärztinnen und Ärzte andere Ursachen besonders sorgfältig ab.
Quellen
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Neurodermitis bei Babys, Kleinkindern und Erwachsenen. Abgerufen am .
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Hautpflege bei Neurodermitis. Abgerufen am .
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Kortison und andere Medikamente zum Auftragen. Abgerufen am .
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Lichttherapie, Tabletten und Spritzen. Abgerufen am .
- Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de: Neurodermitis. Abgerufen am .
- AWMF, Deutsche Dermatologische Gesellschaft: S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (Neurodermitis, atopisches Ekzem), Registernummer 013-027. Abgerufen am .
- Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de: § 34 SGB V: Ausgeschlossene Arznei-, Heil- und Hilfsmittel. Abgerufen am .